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Der Schulmeister und sein Sohn

Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege

9781465635013
208 pages
Library of Alexandria
Overview
Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende, Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, — doch läßt sich nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur ein weniges zum besseren Verständnis. Mein nun in Gott ruhender Vater, Paulus Gast, war seines Handwerks ein Schneider drüben in Winterhausen. Mein Mütterlein hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen, dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines Schuldieners betraut worden. Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit: mein alter Vater und Margareta Späthin, der ich nun meine Hand vor dem Altare Gottes geben konnte, — mein Herz hatte ich ihr schon seit zehn Jahren gegeben. — Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn schaut von Angesicht zu Angesicht. Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen. Das Städtlein Sommerhausen liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint. Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen, wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der Main, der vom Bayreuther Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden Flecken Sommerhausen und Winterhausen. — Gott segne dich, liebes Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein Gröschlein zu empfangen. Das walte Gott!